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Fake Off!
Geschrieben von Jürgen Olejok   

Fast jeder hat bei den TV-Privatsendern schon einmal die Werbung für Telefon-Chats gesehen. Ein gut aussehender junger Mann oder eine blendend aussehende junge Frau hüpfen schnell unter die Dusche, nehmen sich Zeit für eine gründliche Körperpflege, rasieren oder schminken sich, föhnen sich ausgiebig die Haare zu einer topmodischen Frisur und setzen sich dann, geschniegelt und gestriegelt mit dem Handy vor den Fernseher, um mit jemanden zu chatten. Eine schöne Vorstellung – leider Lichtjahre von der Realität entfernt, denn gerade beim virtuellen Treffen der Geschlechter in so genannten Chatrooms, egal ob über Teletext/Handy oder per Computer, driften Vorstellung und Realität extrem auseinander.

Diese Erfahrung musste auch die Autorin Anke Behrend machen, die sich jahrelang in Singlebörsen einloggte und ihre Erkenntnisse, sowie die anderer Chatteilnehmer/innen in ihrem Debütroman Fake Off ! verarbeitet. Darin zertrümmert sie gnadenlos die Hoffnungen vieler Singles, über dieses Medium ihren (potentiellen) Partner fürs Leben zu finden.

Inhalt/Klappentext

Alex, vorzeigbare Single, Anfang vierzig, träumt wie so viele von einem Leben zu zweit. Via Internet macht sie sich auf die Suche nach einem passenden Partner. Die Angebote scheinen verlockend, doch halten sie auch das, was sie virtuell versprechen?  Die ersten Kontakte sind ernüchternd, bis der User Listen2Me nicht nur ihr virtuelles, sondern auch ihr reales Leben durcheinander wirbelt.
Hinter diesem Nicknamen verbirgt sich Roman, der sich gebildet, verständnisvoll und weltgewandt gibt. Er verfasst Forenbeiträge, die wegen ihres Stils, sowie inhaltlicher Aussage äußerst geschätzt werden und die aus seiner lyrischen Ader entsprungenen Gedichte wirken wie Balsam auf viele zersplitterten Herzen weiblicher Mitglieder.
Auch Alex kann sich dem virtuellen Zauber von Roman nicht erwehren. Als sie ihm ihre Telefonnummer mitteilt und zum ersten Mal seine Stimme hört, werden Phantasie und Wunschvorstellung bei Alex zum Antrieb für ein Abenteuer, das eigentlich schon nach dem ersten Treffen die Differenzen zwischen virtueller und tatsächlicher Realität offenbart.

Rezension

Ziemlich taff präsentiert sich die Protagonistin Alex in ihren ersten Aussagen zu den bisherigen Bekanntschaften, die sie in den virtuellen Singlebörsen kennen gelernt hatte. Vergnügt verfolgt der Leser die Totalausfälle männlicher Singles, die nicht nur eine etwas merkwürdige Vorstellung ihres zukünftigen Partners haben, sondern auch mit der Wahrnehmung der eigenen Persönlichkeit ziemlich weit daneben liegen. Etwas ernster wird es, als Alex anscheinend ihren "Traumpartner" in einem Forum kennen lernt und das (erwartete) Drama seinen Lauf nimmt. Ohne zu wissen, wie es weitergeht, ahnt man schon, dass die beginnende Love-Story zum Scheitern verurteilt ist und es liegt nahe, dass viele Leser zum gemütlichen Teil des Überblätterns neigen, um kurz vor dem Ende die Auflösung der Geschichte zu erfahren. Das wäre ein enormer Fehler, denn genau ab diesem Zeitpunkt wird aus einer Allerweltsgeschichte eine interessante Story, die dem Leser oftmals ein Kopfschütteln entlockt. Die Protagonistin will unbedingt an der Beziehung festhalten, obwohl die Anzeichen einer sozialen Fehlentwicklung ihres Partners immer deutlicher zu erkennen sind. Statt diesen Typen schnellstens loszuwerden und konsequent zu handeln, entrollt sie einen Geduldsfaden, der immer länger und länger wird. Der Wunsch nach Harmonie und einer Zukunft zur zweit reduzieren vorhandene Vernunft und Logik zu einer Stimme, die nur noch im Unterbewusstsein wahrgenommen wird. Wider besseres Wissen wird Frau zum Opfer ihrer eigenen Phantasie, die kaum noch einen Bezug zur Realität besitzt.

Das ist die versteckte Kernaussage in Behrends Werk Fake Off und auch, wenn der/die interessierte Leser/in ähnliche Situationsverläufe aus Büchern oder eigenen Erfahrungen bereits kennen, schafft es die Autorin, durch den Handlungshintergrund der Foren- und Chat-Single Börsen, ein neues und vor allem unterhaltsames Szenario zu entwerfen. Dafür benutzt sie, ohne die Ernsthaftigkeit der Aussagen zu tangieren, einen Humor, der irgendwo zwischen englischer Schwärze und amerikanischer Situationskomik angesiedelt ist und mehr als nur einmal zum lautstarken Lachen anregt. Wer kommt als Autor bzw. als Autorin schon auf die Idee, idiotische Fußballzitate so geschickt in die Frage zum Sinn einer Beziehung einzubauen, dass die Logik des Ganzen die Skurrilität erkennen lässt, die eine Partnerschaft manchmal erzeugt.

Behrends erzählerisches Können ist ausgereift, ihre Stilistik in großen Teilen bemerkenswert. Die Wahl, eine Story aus der Sichtweise der ersten Person zu erzählen, kann durchaus ins Auge gehen, aber in diesem Werk wurde die Variante gekonnt und souverän zu Papier gebracht. Zwar verheddert sie sich in einigen Abschnitten zur eigenen Vergangenheit in Details, die nur einen rudimentären Einfluss auf die Story besitzen, aber selbst das macht sie charmant und mit einer ihr eigenen Ironie.

Das Ende von Fake Off tendiert in Richtung investigative Auflösung; ein Schluss, der die Authentizität des restlichen Inhalts ein wenig auf die Probe stellt. Aber selbst hier kann die Autorin nochmals punkten, denn die Spannung, die sich innerhalb der Handlung ausschließlich auf die beiden Hauptprotagonisten konzentrierte, erweitert sich nun auf ein zusammenhängenden Szenario von Figuren und Handlungsumgebung. Ob die Portion "Crime", die das Finale der Geschichte begleitet, unbedingt notwendig war, wird der/die Leser/in beurteilen müssen. Dass es der Autorin geglückt ist, selbst diese Phase des Werks in eine unterhaltsame Form zu bringen, lässt darauf schließen, dass von ihr in Zukunft auch in anderen Bereichen der Literatur noch einiges zu erwarten ist.

Fazit

Der Autorin Anke Behrend ist mit Fake-Off ein gut zu lesendes und interessantes Werk gelungen. Berücksichtigt man noch die Tatsache, dass es sich um einen Debütroman handelt, kann man durchaus von einer Überraschung am deutschen Autorenhimmel sprechen. Stilistisch weitgehend auf einem sehr hohem Niveau, entlarvt die Autorin die Tücken der neuen Kommunikationsmöglichkeiten und blickt hinter die Kulissen von virtuellen Persönlichkeitsprofilen. Witzig, ironisch und teilweise sogar skurril erzählt, anderseits aber ein ernstzunehmendes Thema behandelnd und mit einem enorm tiefen Einblick in die Substanz der weiblichen Seele ausgestattet, ist Fake Off ein Buch, dass nicht nur Frauen als „Beratungshilfe“ für zukünftige Netz-Bekanntschaften dienen sollte. Es ist literarische Unterhaltung in einer Qualität, die im deutschsprachigen Raum äußerst selten geworden ist.

Ganz klar eine Kaufempfehlung, die auch Männer mit genügend selbstkritischen Humor bei ihrer Buchauswahl berücksichtigen sollten.

Als Basis für die Rezension diente:

Fake Off! - Anke Behrend
erschienen als TB im Röschen-Verlag / 2007
186 Seiten
ISBN-13:978-3-9809915-5-1

 

 

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